Und wir nennen uns die Menschheit – heute stehen wir wieder an einem gefährlichen Punkt

Im September 1961, auf dem Höhepunkt der Berlin-Krise, lag auf dem Schreibtisch von Präsident John F. Kennedy ein Memorandum mit der Einstufung „Top Secret“.

Es war adressiert an General Maxwell Taylor, den militärischen Berater des Präsidenten. Betreff: Strategic Air Planning and Berlin.

Was in diesem Dokument nüchtern durchgerechnet wird, ist nichts weniger als das industrielle Töten ganzer Gesellschaften.

Der Plan, der dort analysiert wird, trägt den Namen SIOP – Single Integrated Operational Plan. Er war der operative Kern der amerikanischen Nuklearstrategie. Das Memorandum beschreibt ihn als im Wesentlichen einen „second-strike plan“, also als Reaktion auf einen sowjetischen Angriff. Doch schon beim Lesen wird klar: Die Grenze zwischen Verteidigung und totaler Vernichtung war erschreckend dünn.

Die Autoren kalkulieren mit einer Mindestwarnzeit von einer Stunde. Innerhalb weniger Stunden könnten hunderte Trägersysteme mit nahezu 1.500 Atomwaffen gestartet werden. In 23 Stunden wäre die volle Welle unterwegs. Der Text spricht von Zielkategorien, Megatonnage, Gebäudeverlusten, Bevölkerungsanteilen – alles in statistischer Präzision.

Auf Seite 2 des Dokuments steht, was diese Zahlen bedeuten würden:
Bei vollständiger Ausführung des Plans wären statistisch 54 Prozent der Bevölkerung der Sowjetunion tot, darunter 71 Prozent der städtischen Bevölkerung. 75 bis 82 Prozent der Gebäude würden zerstört. Und selbst diese Zahlen, so wird angemerkt, seien vermutlich unterschätzt – sie bezögen sich nur auf die ersten 72 Stunden.

Kein Pathos. Kein moralischer Zweifel im Text selbst. Nur Tabellenlogik.

Das Memorandum warnt zwar vor Fehlalarmen und der Gefahr, dass ein irrtümlicher Start nicht mehr vollständig zurückgenommen werden könnte. Es diskutiert, wie ein falscher Alarm zu einer realen Eskalation führen würde. Doch die eigentliche Erschütterung liegt woanders: In der Selbstverständlichkeit, mit der Millionen Tote als strategische Variable behandelt werden.

In späteren Berichten über diese Phase wird Kennedy ein Satz zugeschrieben, den er nach einer entsprechenden Besprechung gesagt haben soll: „Und wir nennen uns die Menschheit.“ Ob exakt so formuliert oder nicht – die historische Spannung zwischen dem Präsidenten und Teilen der militärischen Führung ist dokumentiert. Kennedy suchte in der Berlin-Krise und später in der Kuba-Krise nach diplomatischen Auswegen. Das Militär dachte in Eskalationsstufen.

Das Memorandum ist kein Startbefehl. Es ist schlimmer: Es ist ein Beweis dafür, wie nahe die Welt 1961 daran war, die totale Vernichtung rational zu planen – und wie normal diese Planung in den Strukturen war.

Heute, mehr als sechzig Jahre später, stehen wir wieder an einem gefährlichen Punkt. Die Rhetorik zwischen Atommächten ist zurück. Die Schwelle für Eskalation ist niedriger geworden. Hyperschallwaffen verkürzen Reaktionszeiten. Künstliche Intelligenz ist dabei, Entscheidungsprozesse zu beschleunigen, die früher zumindest Minuten des Innehaltens boten.

1961 gab es noch sechs Stunden zwischen Start und „positive control line“ für bestimmte Systeme. Heute reden wir über Minuten. Damals war die Kommunikation analog und fehleranfällig. Heute ist sie digital und anfällig für Cybermanipulation.

Das beunruhigendste Detail des alten Memos ist nicht die Zahl der Toten. Es ist die Denkweise. Die Vorstellung, dass Massenvernichtung eine legitime, kalkulierbare Option ist, solange sie strategisch „funktioniert“.

Wer glaubt, wir hätten diese Logik überwunden, muss nur die aktuellen Militärdoktrinen lesen. Abschreckung basiert weiterhin auf der glaubwürdigen Drohung, Millionen Menschen auszulöschen. Modernisiert, präzisiert, aber im Kern unverändert.

1961 hätte ein Fehlalarm die Welt zerstören können. Mehrfach in den folgenden Jahrzehnten standen wir Sekunden davor. Dass es nicht geschah, lag weniger an der Perfektion der Systeme als an einzelnen Menschen, die sich weigerten, Knöpfe zu drücken.

Das freigegebene Dokument aus dem Jahr 1961 ist kein Relikt einer primitiveren Zeit. Es ist ein Spiegel. Es zeigt, wie schnell politische Konfrontationen in strategische Apokalypse übersetzt werden können – wenn militärische Logik über politische Vernunft siegt.

Die unbequeme Frage lautet nicht, ob die damaligen Generäle „wahnsinnig“ waren. Die unbequeme Frage lautet, ob wir heute klüger sind.

Und ob wir es uns noch leisten können, es nicht zu sein.

Quelle

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