Die materiellen Grundlagen der digitalen Welt wurden lange außer Acht gelassen. Begriffe wie Software, Algorithmen, Daten, künstliche Intelligenz oder Cloud suggerierten eine quasi überirdische Körperlosigkeit. Doch der weltweite Boom der Rechenzentren rückt zunehmend ins Blickfeld, dass auch die Datenströme für Suchanfragen, Videostreaming, Clouddienste, Satellitenaufklärung, autonome Systeme oder Cyberkriegsführung eine materielle Infrastruktur benötigen.
In den USA und in Europa gilt die „Künstliche Intelligenz“ angesichts gesättigter Märkte als Wachstumstreiber – und zunehmend auch als entscheidender Faktor bei militärischen Auseinandersetzungen. Die EU bewirbt den Ausbau von KI-Anwendungen als Teil ihrer Wettbewerbsagenda, ihrer technologischen „Souveränitätsziele“ sowie im Rennen um geopolitischen Einfluss. „Europa“ soll laut EU-Kommission zum „KI-Kontinent“ werden. Ziel ist es, „die Kapazitäten der Rechenzentren in Europa in den nächsten fünf bis sieben Jahren zu verdreifachen“. Laut der im Frühjahr vorgestellten Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung sollen die Kapazitäten bis 2030 mindestens verdoppelt werden, im Bereich Künstlicher Intelligenz sogar vervierfacht. Die geplante EU-Verordnung zu Cloud- und KI-Entwicklung soll „europäischen Unternehmen und Forschern, die KI-Fähigkeiten benötigen, einen breiten Zugang zu Rechenressourcen der nächsten Generation mit hoher Kapazität“ ermöglichen.
Rechenzentren gehören zum Internetzeitalter. „Ohne Rechenzentren müsste man, um die gewünschten Funktionen des eigenen Smartphones und dessen Apps zu ermöglichen, permanent einen Leiterwagen voller Computer hinter sich herziehen“, vermittelt die Schweizer Wirtschaftszeitung Bilanz plastisch ihre Funktion. Einen Überblick über aktuelle Standorte nach Ländern geben die Karten bei datacentermap. KI-Rechenzentren unterscheiden sich von herkömmlichen Rechenzentren. Es werden nicht mehr vorrangig von Menschen ausgelöste, terminierte Aufgaben bearbeitet, sondern die KI-Fabriken fungieren als ständig aktive und quasi eigenständig agierende Systeme, die ganze Projekte abarbeiten können, eine Aufgabe strukturieren, die passenden Werkzeuge auswählen, die Ergebnisse prüfen. Um die gewünschte Rechenleistung zu erzielen, werden Hochleistungschips und Grafikprozessoren (GPUs) eingesetzt. Marktführer ist der US-Konzern Nvidia. Weitere Anbieter sind Intel und AMD.
Im Mittelpunkt der KI-Anwendungen stehen sogenannte Hyperscaler: riesige IT- und Cloudanbieter mit Zehntausenden von Servern und Hunderttausenden Quadratmetern Fläche. Marktführer sind Amazon Web Services (AWS) für Clouddienste, Microsoft Azure für KI-Anwendungen, Google Cloud Plattform (GCP) für Datenanalyse, Machine Learning und KI-Infrastruktur, Meta, Oracle Cloud Infrastructure, sowie Alibaba Cloud aus China.
Wer bietet mehr? Größendimensionen und Energiebedarf
Die Bauvorhaben für KI-taugliche Rechenzentren sprießen wie Pilze aus dem Boden. Der US-Entwickler Stack Infrastructure errichtet im schweizerischen Beringen in der Nähe des Rheinfalls von Schaffhausen auf einer Fläche von 1,8 Hektar ein 36-Megawatt-Rechenzentrum für Hyperscaler und Cloudanbieter. Der Jahresstrombedarf beträgt bis zu 75 Prozent des Gesamtstrombedarfs des Kantons Schaffhausen, sagt Gemeindepräsident Roger Paillard. Das führe „die gesamte kantonale Energiestrategie ad absurdum.“ Der Kanton habe „bezüglich der Effizienz des Rechenzentrums Vorgaben gemacht – und diesen Zielwert wollte Stack Infrastructure unbedingt erreichen.“ Ob die einzuhaltende Energieeffizienz vertraglich festgelegt wurde, bleibt unklar.
Im oberösterreichischen Kronstorf hat Google im April 2026 den Grundstein für ein großes Rechenzentrum auf einer Fläche von 50 Hektar gelegt. Es entsteht auf umgewidmetem Ackerland, das zu den besten Böden in Österreich gehört. Google verspricht, Unternehmen, öffentliche Einrichtungen und Nutzer in ganz Österreich könnten dadurch „aktiv an der digitalen Transformation teilhaben“. Man setze sich „so für eine inklusive und nachhaltige Zukunft für alle ein.“
Der Landeshauptmann von Oberösterreich begrüßt das Rechenzentrum und auch von Seiten der Marktgemeinde Kronstorf werden neben den erwarteten Arbeitsplätzen die Pluspunkte hervorgehoben: „kostenlose“ Nutzung der Abwärme sowie ein „Fonds zur Verbesserung des Gewässerökosystems der Enns“, aus der das Wasser zur Kühlung genommen werden soll. Gelobt wird auch das „begrünte Dach mit Photovoltaikanlage“, das „direkt saubere Energie zur Stromversorgung des Rechenzentrums beisteuern“ werde. Die Information der Gemeinde wirkt, als sei sie von Google-Marketingstrategen geschrieben.
Der Strombedarf beträgt in der ersten Ausbaustufe 150 Megawatt, die aber auf 500 Megawatt erweitert werden sollen. Diese Größenordnung entspricht „fast einem Drittel des gesamten jährlichen Stromverbrauchs von ganz Oberösterreich“ legt ein Positionspapier einer Bürgerinitiative dar. Ein Fachmagazin ordnet ein: Beim Stromverbrauch von Rechenzentren handele es sich „um die sogenannte Bandlast – also den konstanten Verbrauch von Strom“ rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Insgesamt wurden für Rechenzentren in Österreich 2,1 Gigawatt (2100 Megawatt) Leistung beantragt. Das entspricht der Leistung von zwei Atomkraftwerken.
Im US-Bundesstaat New York beträgt die beantragte Anschlussleistung an das Stromnetz 10 Gigawatt, insbesondere getrieben von projektierten Rechenzentren, berichtet das Online-Medium Wired. Im US-Bundesstaat Utah soll derweil das größte Rechenzentrum der Welt entstehen. Es benötigt eine Fläche mehr als zweieinhalb mal so groß wie Manhattan und würde mehr Strom verbrauchen als der gesamte Bundesstaat Utah.
Der Hyperscaler Meta von Facebook-Gründer Zuckerberg plant, in diesem Jahr eine Recheninfrastruktur mit einer Leistung von sieben Gigawatt in Betrieb zu nehmen und die Gesamtkapazität bis 2027 auf vierzehn Gigawatt zu verdoppeln. Ein Gigawatt Rechenleistung bedeutet etwa eine halbe Million Chips, die so viel Strom verbrauchen wie 750.000 Haushalte. Der Hyperion-Campus im US-Bundesstaat Louisiana soll auf 5 Gigawatt Rechenleistung ausgebaut werden.
Im kroatischen Topusko ist auf einer Fläche von zunächst 125 Hektar das Projekt Pantheon AI – ein KI-Campus kombiniert mit einem Hyperscale-Rechenzentrum mit einem Gigawatt Leistung geplant. Der Bau soll im ersten Halbjahr 2027 beginnen, und die Anlage soll 2029 in Betrieb gehen. Nationale und regionale Behörden unterstützten das Projekt durch ein „gestrafftes Genehmigungsverfahren“. Welche Hyperscaler die Anlage nutzen werden, sei vertraulich, erklärt der Pressevertreter von Pantheon AI gegenüber Multipolar. Das Interesse von „mehreren führenden Hyperscale-Cloud-Anbietern“ an „groß angelegter, sicherer und nachhaltiger KI-Infrastruktur“ sei aber „außerordentlich groß“, auch da „Strom im Gigawatt-Maßstab an einem einzigen Standort“ zur Verfügung stehe. Zudem lägen die Strompreise in Kroatien „deutlich unter dem Durchschnitt in der EU”, wirbt der Investor.
Wo soll der Strom herkommen?
Die Internationale Energieagentur IAG erwartet bis 2030 eine Verdoppelung des Strombedarfs der Rechenzentren. Schon heute entfallen darauf demnach 1,5 Prozent des globalen Verbrauchs. Dies entspricht „dem Niveau mittelgroßer Länder wie Japan“. Das Technik-Medium Golem verweist für Deutschland auf „bereits gemeldete Projektplanungen im Bereich von 400 Terawattstunden (TWh) für den Zubau von Rechenzentren“. Laut Umweltbundesamt lag der Stromverbrauch im Jahr 2025 bei 526 Twh. Das heißt, der erwartete zusätzliche Stromverbrauch nur für Rechenzentren liegt in der Größenordnung von mehr als 75 Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs. In der EU steht der gigantische zusätzliche Strombedarf der Rechenzentren zudem im Widerspruch zu Anforderungen der EU-Energieeffizienzrichtlinie (Artikel 4 und 8), wonach der Energieverbrauch in der EU bis 2030 deutlich gesenkt werden soll.
Das Pantheon-Rechenzentrum wird an das kroatische Stromnetz angeschlossen, aus dem über langfristige Stromabnahmeverträge erneuerbare Energien bezogen würden. Um die Nachfrage von Pantheon AI zu decken, muss das Stromnetz mit neuen Hochleistungsleitungen von 280 km Länge und einem Umspannwerk massiv ausgebaut werden, was Pantheon finanziere, wie dessen Presseabteilung auf Multipolar-Anfrage erklärt. Damit schaffe das Unternehmen Netzkapazitäten von 5 Gigawatt, sodass auch andere Investoren in erneuerbare Energien ihre Projekte realisieren könnten. Zusätzlich sind ein 500-Megawatt-Solarkraftwerk sowie ein Batteriespeicher für 8000 MWh vorgesehen. Der Batteriespeicher solle dem Netzausgleich und zur Kostensenkung bei der Stromabnahme dienen, nicht zur regulären Stromversorgung.
Aufgrund des horrenden Strombedarfs, zunehmender Engpässe bei der benötigten Anschlussleistung an das Stromnetz und lokalem Widerstand setzen immer mehr Tech-Konzerne in den USA auf eine Stromversorgung unabhängig vom Netz. Es entstehe eine neue Energieinfrastruktur, deren schon genehmigte Leistung ein Mehrfaches des Strombedarfs von New York betrage. So erzeugen beispielsweise die Gasturbinen für den Monarch Compute Campus in Mason County so viel Elektrizität wie 1,5 Millionen Haushalte verbrauchen. Eine Vervierfachung der Leistung ist geplant.
Elon Musks xAI betreibt zwei der weltweit größten Rechenzentren, bezeichnenderweise Colossus I in Memphis (Tennessee) und Colossus II (Mississippi) genannt. Sie sollen Musks Sprachmodell Grok ermöglichen. Der benötigte Strombedarf für Colossus II beträgt 2 Gigawatt und wird von einem Gasturbinenkraftwerk sowie 59 mobilen Erdgasturbinen gedeckt, obwohl diese gegen Emissionsvorschriften verstoßen und ihnen die erforderlichen Genehmigungen fehlen. Ergänzend werden 600 große Tesla-Batterien installiert. Für die Stromversorgung von Metas Hyperion-Campus sollen zehn neue Gaskraftwerke gebaut werden. Amazon finanziert für seine Rechenzentren in Texas ein Gaskraftwerk mit 35 Turbinen für eine Leistung von fast 8 Gigawatt.
Ein Gastbeitrag bei Netzpolitik befürchtet, dass die von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche geplante Kapazität bei Erdgaskraftwerken von 20 Gigawatt bis 2030 den Ausstieg aus fossiler Energieversorgung torpediert und dem wachsenden Strombedarf der KI-Rechenzentren Rechnung tragen soll.
Die US-Firma Edgeconnex hätte für ihr geplantes Rechenzentrum in Maintal in der Nähe von Frankfurt aufgrund fehlender Netzkapazitäten einen regulären Netzanschluss frühestens 2037 erwarten können. Sie setzte auf ein eigenes Gaskraftwerk für die Anlage. Kritische Fachleute aus der Bürgerschaft berechneten die Klimabilanz dieses Kraftwerks: „633.000 Tonnen CO₂ pro Jahr“, so viel wie „rund drei Viertel aller Starts und Landungen am Frankfurter Flughafen – samt des Bodenverkehrs dort“. Für die Energieversorgung wären zehn der weltweit größten Gasmotoren vorgesehen plus „80 Dieselmotoren ohne Partikelfilter für den Notfall“.
Atomkraft als Lösung
Der Strombedarf von KI-Rechenzentren und Cloud-Diensten führt auch zu einer Renaissance der Atomkraft, die als CO₂-freie Energieversorgung in den USA und der EU positiv umgedeutet wird. In Texas würden die KI-Rechenzentren bis 2030 einen zusätzlichen Strombedarf von 30 Atomkraftwerken generieren. Texas sieht sich als König der Nukleartechnik für KI. In den USA hat Microsoft schon vor knapp zwei Jahren einen Langzeitvertrag über 20 Jahre mit Constellation Energy geschlossen, um den Strom des infolge eines schweren Unfalls 1979 stillgelegten unbeschädigten Reaktors von Three Mile Island bei Harrisburg abzunehmen. Der Reaktor soll 2027 wieder in Betrieb gehen. Die 835 Megawatt Leistung will Microsoft komplett nutzen für seine Rechenzentren in Pennsylvania, Chicago, Virginia und Ohio. Die Laufzeit des Atomreaktors wurde bis 2054 verlängert. Meta hat sich „Zugriff auf bis zu 6,6 Gigawatt“ aus bestehenden und neu zu errichtenden Kernkraftwerken bis 2035 gesichert. Auch Amazon hat Verträge mit Atomkraftbetreibern geschlossen.
Zudem nimmt die Propagierung von modularen Kernreaktoren (Small Modular Reactors SMR) wieder Fahrt auf. Allein stehende, standardisierte und werkseitig gefertigte modulare Reaktoren könnten Rechenzentren anstelle von Gasturbinen versorgen, ohne das Stromnetz zu belasten. Die Gründer des US-Startups Aalo Atomics wollen „die erste Fertigungsstraße für Kernkraftwerke aufbauen“. Allerdings gibt auch der Gründer des SMR-Startups zu, dass das Ganze noch Zukunftsmusik sei.
Neuer Turmbau zu Babel?
Techoligarchen wollen den Problemen am Boden entgehen, indem sie für KI-Rechenzentren schon den Meeresgrund und den Weltraum ins Auge gefasst haben. KI-Satelliten im Weltall, die als Rechenzentren fungieren, sollen „mit Sonnenenergie betrieben und durch Wärmeabstrahlung in den Weltraum gekühlt werden.“ Sie könnten angeblich die Energieengpässe auf der Erde umgehen. Elon Musks Raumfahrtfirma SpaceX fusioniert mit Musks KI-Entwickler xAI. Erste Demoanlagen sind Ende 2025 von chinesischen und US-amerikanischen Firmen schon installiert worden.
Obwohl es im Weltraum viel kälter ist als auf der Erde, wäre die notwendige Kühlung aufwendiger. „Es gibt dort kein Medium, das die Wärme abführen könnte“, erklärt Jermaine Gutierrez, Research Fellow am European Space Policy Institute (ESPI) in Wien. „Man ist auf Radiatoren angewiesen“. Die Folge wäre eine gigantische Infrastruktur für das Wärmemanagement, die die eigentlichen Rechner bei Weitem überragen würde.
Projektentwickler und Tech-Firmen versuchen sich ein Nachhaltigkeitsimage zu geben. Pantheon erklärt, man baue „in einer wenig besiedelten Gegend mit geringen Umweltauswirkungen“. Google schmückt sich, wie schon erwähnt, mit einem „Fonds zur Verbesserung des Gewässerökosystems der Enns“. Im Climate Neutral Data Centre Pact haben sich über 100 Betreiber von Rechenzentren verpflichtet, „bis 2030 u. a. 100 % Grünstrom zu nutzen, energieeffizienter zu kühlen, Abfälle zu reduzieren und Abwärme zu recyceln“. Es sind jedoch Zweifel angebracht, ob „grüner Strom“ die Umweltauswirkungen der gigantisch wachsenden zusätzlichen Stromnachfrage aufhebt. Auch Wind- und Solarenergieanlagen verbrauchen in Herstellung, Betrieb sowie Rückbau Rohstoffe und Energie und bedeuten einen massiven Eingriff in den Boden und die Umgebung am Standort.
Nicht nur Strom-, auch Wasserbedarf
Der Wasserfußabdruck von KI-Rechenzentren resultiert aus drei Quellen: der Produktion der Hochleistungschips, dem Energiebedarf sowie – insbesondere – der Kühlung der Server. Je nach Kühlkonzept entweicht das entnommene Wasser als Dampf in die Umwelt oder das Wasser wird in einem geschlossenen Kühlkreislauf mehrfach verwendet. Dann sind große Wasser-Luft-Wärmetauscher erforderlich. Um die notwendige Kühlung der Rechenzentren zu gewährleisten, werden sie regelmäßig in der Nähe von Flüssen gebaut.
Laut Wasserbescheid darf Google bei Kronstorf pro Jahr 5,5 Milliarden Liter Wasser aus der Enns entnehmen. Davon dürften maximal „2,1 Milliarden Liter“, auf bis zu 30 Grad erwärmt, „wieder in die Enns zurückgeleitet werden“. Der Rest „verdunstet durch die Kühlung“. Laut Solidarwerkstatt Linz könne sich „die Wassertemperatur je nach Pegel um 2 bis 4 Grad“ erhöhen. Ob die im Wasser aus dem Kühlkreislauf enthaltenen Chemikalien sicher vor der Zurückleitung entfernt werden, ist fraglich.
Eine geplante Anlage in Kalifornien könnte jährlich fast eine Milliarde Liter Wasser aus dem Colorado entnehmen. Die Wasserbehörde im US-Bundesstaat Texas, einem Hotspot von KI-Rechenzentren, schätzt, dass die Rechenzentren in Texas bis 2030 „sieben Prozent des gesamten Wasserverbrauchs des Bundesstaates ausmachen“.
Inwieweit der Wasserbedarf der Rechenzentren mit menschlichen Bedürfnissen kollidiert, zeigt das Beispiel Amazon in Spanien. Amazons Rechenzentren in der spanischen Region Aragon verfügen über eine Genehmigung zur Entnahme von 0,7 Milliarden Liter Wasser pro Jahr – genug, um über 200 Hektar Mais zu bewässern. Wegen steigender Temperaturen hat Amazon einen Antrag auf Erhöhung des Wasserverbrauchs um fast 50 Prozent gestellt. Und das in einem Land, das schon heute unter Trockenheit, Hitze, Waldbränden und virtuellem Wasserexport über seine landwirtschaftlichen Produkte leidet.
Weitere Probleme: Abwärme und Infraschall-Lärm
Rechenzentren benötigen Strom sowohl für den Betrieb als auch für die Kühlung der Hitze, die beim Betrieb entsteht. Rechenzentren sind sozusagen gleichzeitig Heizkraftwerke, die Abwärme erzeugen. Der englische Begriff „waste heat“ trifft das Problem genauer. Eine Studie geht von einer Erhöhung der Bodentemperatur in der Umgebung von KI-Rechenzentren um durchschnittlich 2 Grad aus. Für Fernwärme ist die Abwärme im Wesentlichen nur in der kalten Jahreszeit von Interesse, sei es zum Heizen von Wohnungen oder Gewächshäusern. Bei Schaffhausen ist ein riesiger Erdspeicher in der Diskussion, der die Abwärme im Sommer aufnehmen soll. Bislang ist ungeklärt, wer die Investitionskosten dafür tragen soll. Im Fall von Kronstorf wurde versäumt, ein Fernwärme-Gebot zu erlassen.
Rechenzentren verursachen außerdem eine erhebliche permanente Lärmbelastung für die Mitarbeiter, die Tierwelt und die Anwohner durch ihre Generatoren, Kühlsysteme und ihre Stromversorgung (Hochspannungsleitungen, Transformatorstationen). Gesundheitliche Auswirkungen sind Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit oder Herz-Kreislauf-Probleme. Kritiker verweisen zudem auf Forschungen zur Schadwirkung von Infraschall, der für das menschliche Ohr nicht hörbar ist, aber vom Körper „als Druck, Brummen oder Vibration“ wahrgenommen werden kann. Die Genehmigungspraxis weltweit beruhe auf einer Messmethodik, die den relevanten und gefährlichsten Frequenzbereich „systematisch ignoriert“. Als Symptome einer erhöhten Infraschallbelastung werden unter anderem genannt: Schwindel, Müdigkeit, Angstzustände, Bluthochdruck und Herzrythmusstörungen.
Fehlende Transparenz
Bürgerinitiativen und Lokalpolitiker beklagen regelmäßig fehlende Transparenz über die Anlagen und auch eine mangelnde demokratische Beteiligung. Die EU-Kommission hält ihr vorliegende Informationen über Energieeffizienz, Strom- und Wasserverbrauch oder Abwärme zu einzelnen Anlagen geheim und verlangt dies auch von den Behörden der Nationalstaaten. Die Energie-Effizienz-Richtlinie wurde auf Intervention der Lobbyorganisation Digital Europe im Interesse der Hyperscaler formuliert.
Der US-Entwickler Fundamental Data baut ein Rechenzentrum in West Virginia, dessen Stromversorgung durch Gasturbinen erfolgen soll. Die Umweltfreigabe des Bundesstaates erfolgte über die Köpfe der lokalen Behörden und der Bevölkerung in der Nachbarschaft.
Zur fehlenden Transparenz gehört auch, dass die Tech-Konzerne in der Projektierungs- und Bauphase ihren Namen gerne außen vor halten und sich hinter Entwicklern und Energiefirmen verstecken. Fundamental Data verweigert sowohl Angaben, um welche Art von Rechenzentrum es sich handeln soll als auch zur Anzahl der Gasturbinen. Auch Stack Infrastructure macht keine Angaben darüber, welche Hyperscaler die Server in Beringen nutzen werden. Stack halte sich an die in der Branche üblichen Vertraulichkeitsvereinbarungen. Dasselbe gilt für Pantheon AI in Kroatien.
Zersplitterung und Unbedarftheit der Genehmigungsinstanzen kommen den Betreibern zugute, die zudem Lücken in Genehmigungsvorschriften nutzen können. So sei laut ORF für das Google-Rechenzentrum in Kronstorf keine Umweltverträglichkeitsprüfung erforderlich gewesen, „weil Rechenzentren gesetzlich nicht in den Anwendungsbereich des UVP-Gesetzes fallen“. Auch in Beringen nahe dem Naturdenkmal Rheinfall sei die Genehmigung zügig erfolgt, da für Rechenzentren zu dem Zeitpunkt „auf Bundesebene keine speziellen Umweltverträglichkeitsprüfungen vorgesehen“ waren. In Oberösterreich verpflichtet das Energieeffizienzgesetz Rechenzentren zwar seit April 2026 ab einer bestimmten Leistung, „Abwärme nutzbar zu machen“, mit der Einschränkung „sofern das technisch und wirtschaftlich möglich ist“. Ähnliche Abschwächungen zugunsten der Industrie sollen mit der Novelle des deutschen Enereffizienzgesetzes im Herbst beschlossen werden.
In Erwartung einer „sauberen“ Anlage und von Gewerbesteuereinnahmen wurde von der Bürgermeisterin und den Kommunalvertretern im hessischen Maintal übersehen, dass nicht nur ein Rechenzentrum entstanden wäre, „sondern ein Gaskraftwerk mit angeschlossenen Serverrechnern – ohne entsprechende Einordnung als Energieanlage industriellen Maßstabs“, sagt der Ingenieur und Anlagenkritiker Mark Behrend.
Im Fall von Beringen wurde das Grundstück von einem Privateigentümer erworben, die Gemeinde konnte nur prüfen, ob das geplante Gebäude von der Größenordnung her angemessen ist, wie Gemeindepräsident Paillard auf Multipolar-Anfrage erklärt. Das Projekt selbst musste vom Kanton Schaffhausen genehmigt werden. Für den Stromanschluss war das Elektrizitätswerk des Kantons zuständig, das eine gesetzliche Pflicht hat, jeden Kunden, der einen Bedarf anmeldet, an das Stromnetz anzuschließen. Die Wassermenge zur Kühlung wurde im Vertrag zwischen Wasserwerk, Stack und Gemeinde festgelegt.
Das Beispiel Beringen zeigt auch das geringe Selbstbewusstsein und in gewisser Weise die Naivität oder gar Unterwürfigkeit der Verantwortlichen in Politik und Verwaltung angesichts eines milliardenschweren Investors. So sieht der Wasservertrag Strafzahlungen vor für den Fall, dass Stack mehr als die erlaubte Wassermenge entnimmt, so als könnten fallende Grundwasserspiegel, Niedrigwasser und die Erwärmung des Flusswassers mit Geld kompensiert werden. Ebenso zahm wird mit dem Thema Abwärme umgegangen. Das Datencenter „gibt die Abwärme kostenlos ab“, so Paillard. Es sei „auch in dessen Interesse, dass die Wärme abgeführt werden kann“. Eine Verpflichtung, ungenutzte Abwärme wieder in den öffentlichen Energiekreislauf zu speisen, gibt es bislang nicht. Zu bestehenden Konzepten zur Abwärmenutzung und wer die Investitionsmittel dafür aufbringt, machte Paillard gegenüber Multipolar keine Angaben. Es seien „Abklärungen vorgenommen“ worden. Die Herangehensweise der Gemeinde sei, „einen offenen und konstruktiven Dialog mit den Bauherrschaften“ zu führen, so Paillard.
Die geopolitische Dimension
Bisherige Erfahrungen machen den Vorrang privatwirtschaftlicher, militärischer, sicherheitspolitischer oder geopolitischer Belange vor demokratischen, ökologischen und gesundheitlichen Anliegen sichtbar. Eine Klage von Menschenrechts- und Umweltorganisationen im US-Bundesstaaat Tennessee gegen xAI von Elon Musk wegen Luftverschmutzung durch Gasturbinen wurde abgewiesen. Das Justizministerium hat argumentiert, die Klage bedrohe die nationale, wirtschaftliche und Energiesicherheit der USA. Der KI-Verantwortliche des US-Verteidigungsministeriums gestand ein, dass der Chatbot von xAI, Grok, zur Zielauswahl im Krieg gegen den Iran eingesetzt wurde.
Pantheon AI im kroatischen Topusko wird als „eine Anlage innerhalb der EU und der NATO“ beworben, „die Hyperscale-Betreibern aus den USA und Europa souveräne, datenschutzkonforme Kapazitäten auf verbündetem Territorium bieten soll“. Der Sonderbeauftragte für globale Energieintegration im US-Energieministerium, Joshua Volz, lobt das Vorhaben. Es ermögliche die US-Führungsrolle im Bereich künstlicher Intelligenz „in verbündeten, demokratischen Staaten“ zu „festigen“. US-Kapital in KI-Rechenzentren der EU nordet den vorgeblichen EU-KI-Kontinent im geopolitischen Machtkampf gegen China an der Seite der USA ein.
Widerstand – Motive, Ansatzpunkte und Erfolge
Indes erhalten vor allem die ökologischen und sozialen Kosten, aber auch Demokratiefragen des KI-Hypes immer stärkere Aufmerksamkeit, und so schlagen den Technologiekonzernen Widerstände aus verschiedenen Richtungen entgegen.
In den USA wächst die Kritik in vielen Bundesstaaten, über Parteigrenzen hinweg. Das Forschungsprojekt Data Center Watch verfolgt den Widerstand der Bevölkerung gegen den Bau von Rechenzentren in den Vereinigten Staaten. In den ersten sechs Wochen 2026 haben Abgeordnete mehr als 300 Gesetzesvorlagen zum Thema Rechenzentren eingebracht. In mindestens 15 Bundesstaaten wurden auf Kreis- und Stadtebene sowie auf Regierungsebene der indigenen Stämme lokale Moratorien verabschiedet. Die Gesetzesinitiativen reichen von einer neuen Steuer auf den Stromverbrauch von Rechenzentren (Virginia) über ein Moratorium für Steuervergünstigungen (Arizona), die Aufhebung der Umsatzsteuerbefreiung und Verbote von Geheimhaltungsvereinbarungen (Pennsylvania). Die Gouverneurin von New York, Kathy Hochul, verhängte ein Moratorium für neue Hyperscale-Rechenzentren für ein Jahr und setzte staatliche Umweltgenehmigungen für Rechenzentren mit mehr als 50 Megawatt Leistung aus. Maine ist der erste US-Bundesstaat, der ein komplettes Verbot von Rechenzentren erlassen hat.
Die US-Umweltaktivistin Erin Brokovich hat eine „Bürgerplattform“ initiiert, auf der Bürgerbeschwerden gegen Rechenzentrumsprojekte in den USA in einer interaktiven Karte erfasst werden. Brokovichs Bedenken betreffen vorrangig den Strom- und Wasserverbrauch sowie den Lärm, der von den Anlagen verursacht wird. Sie fordert keine Verbote oder Moratorien, denn an manchen Orten seien Rechenzentren willkommen. Stattdessen sollten „nachhaltige, sichere und effiziente KI-Rechenzentren“ gebaut werden. Auch die US-Professorin für Umwelt und Nachhaltigkeit, Holly Buck, lehnt ein nationales Moratorium in den USA ab, jedoch aus Gründen internationaler Gerechtigkeit. Unter den Bedingungen des neoliberalen Kapitalismus würde es zu einer Verlagerung in Gebiete mit weniger Regulierung kommen. Sie schlägt vor, KI als öffentliche Dienstleistung zu regulieren.
Im hessischen Maintal nahe Frankfurt hat der fachkundige Widerstand aus der Bürgerschaft, dem die Stadtverordnetenversammlung gefolgt ist, mit dazu beigetragen, dass Edgeconnex das Projekt vorläufig gestoppt hat. Allerdings gibt es in der Nähe Pläne von Amazon und North C. Die Initiatoren des Widerstandes betonen, dass sie nicht per se gegen Rechenzentren für Hyperscaler seien. Sie sollten nur kleiner ausfallen und mit regenerativer Energie versorgt werden.
In den USA gab es am 18. Juli den ersten landesweiten Aktionstag mit 142 Protesten in 42 US-Bundesstaaten. Die Teilnehmer deckten dabei das gesamte politische Spektrum ab. Federführend war die Organisation „Humans First“, deren Vorsitzende die Tea Party-Gründerin und Trump-Unterstützerin Amy Kremer ist. „Humans First“ spricht sich gegen ein nationales Moratorium aus und fordert, dass die lokalen Communities entscheiden sollen. Die Organisation setzt sich für „transparente Genehmigungsverfahren, Umweltprüfungen vor der Erteilung von Genehmigungen, gewerkschaftlich organisierte Arbeitsplätze im Baugewerbe“ sowie rechtlich verankerte „Community Benefits Agreements“ ein – dass also auch die Kommunen vor Ort profitieren.
Die Solidarwerkstatt Linz fordert einen „Baustopp in Kronstorf und eine Nachdenkpause“, um folgende Fragen zu klären: „Wer kontrolliert die Energie? Wer kontrolliert die Daten? Wer kontrolliert die Infrastruktur? Und letztlich: Wer kontrolliert die Zukunft?“ Es gehe „um weit mehr als um ein einzelnes Rechenzentrum.“ Es gehe darum, „die digitale Transformation mit sozialer Gerechtigkeit, demokratischer Kontrolle, Frieden und ökologischer Verantwortung zu verbinden.“
Senator Bernie Sanders und die Kongressabgeordnete der Demokraten, Alexandria Ocasio-Cortez, haben eine Gesetzesinitiative eingebracht, um ein zeitweises nationales Moratorium für den Neubau von KI-Datenzentren zu erlassen, bis die schädigenden Aspekte der KI geklärt sind. Auch die US-Aktivistin Astra Taylor, Mitbegründerin der Organisation „Debt Collective“, votiert im Gespräch mit Democracy Now für Moratorien. Ausschlaggebend sind für sie die offen ausgesprochenen Pläne, mit autonomen Systemen (AGI, artificial general intelligence) jeden Aspekt des Lebens zu beherrschen, von der Arbeit bis hin zu Beziehungen.
Einen antikapitalistischen und internationalistischen Ansatz verfolgen die Aktivisten von „Aufstände der Allmende“ mit ihrer Kampagne „KI kurzschließen“, die den Widerstand gegen das Rechenzentrum in Beringen initiiert haben. Die Aktivisten sehen sich in der Tradition der Zapatistas in Mexiko als Teil der „globalen sozialrevolutionären Bewegung gegen Kapitalismus und Kolonialismus“. Sie kritisieren „KI-gesteuerte Waffen, die beim Genozid in Gaza zum Einsatz kommen“, „den kolonialen Ressourcenraubbau seltener Erden im globalen Süden“ und den „Diebstahl von Daten, um große KI-Modelle zu trainieren“. Sie sehen einen Zusammenhang zwischen den KI-Rechenzentren der „Techoligarchen“ und „aktuellen kolonialen und kapitalistischen Machtstrukturen“. Die Techoligarchen verkauften KI als Lösung aller Probleme, wollten jedoch nur ihre Profite und Macht vergrößern auf Kosten der Allgemeinheit. Die Aktivisten von „Aufstände der Allmende“ sehen die Datenzentren als „den spezifischen, konkreten Ort“, an dem sie etwas verändern können. Gemeinsam könne man „den Techoligarchen den Stecker ziehen.“
Die gesamte Diskussion offenbart das Dilemma demokratischer Steuerung und Kontrolle angesichts technologischer Entwicklungen, die scheinbar unaufhaltsam wie eine Naturgewalt ablaufen. Machbarkeitsphantasien und ein Wettlauf um technologische Führerschaft sowie geopolitische Vorherrschaft bestimmen die Agenda, bei der die Interessen von wenigen Tech-Konzernen, superreichen Investoren und von Staaten ineinanderlaufen. Wie können Bürgerinnen und Bürger eine Entwicklung einhegen, die nicht nur öffentliche Güter wie Land-, Wasser- und Stromverbrauch von Rechenzentren betrifft, sondern auch die vom Datenhunger, militärischer Nutzung und Überwachungsinstrumenten geprägte Anwendung der KI? Astra Taylor sieht den Anknüpfungspunkt konkret am Bauzaun der Rechenzentren, wo Bürger zusammenkommen, um sich für eine lebenswerte Zukunft einzusetzen.