Ein strategischer Irrtum

Jeffrey Sachs analysiert in seinem neuen Buch, wie eine tief im westeuropäischen Denken eingewobene Russophobie den Ausgleich mit Russland verhindert. Er spricht von einem „systematischen Wahrnehmungsfehler, der politische Tragödien begünstigt“. Multipolar veröffentlicht Auszüge.

Warum hat ein großer Teil des europäischen strategischen Denkens über die zaristische, sowjetische und postsowjetische Ära hinweg – trotz stark wechselnder Ideologien und Führungen – Russland so häufig als illegitimen Sicherheitsakteur behandelt, dessen sicherheitspolitische Anliegen ignoriert oder von vornherein ausgeschlossen werden? Russland ist historisch und kulturell Teil Europas. Dennoch hat sich die europäische Sicherheitspolitik immer wieder so verhalten, als ob es außerhalb Europas stünde.

Die intellektuelle Konstruktion von „Osteuropa“ gehört selbst zu dieser Geschichte. Der Historiker Larry Wolff hat in „Inventing Eastern Europe“ gezeigt, wie Aufklärungsdenker in Westeuropa eine mentale Landkarte entwarfen, die zwischen einem „zivilisierten“ Westen und einem halbzivilisierten oder „rückständigen“ Osten unterschied. (1) Diese imaginäre Geografie entstand lange vor NATO und Kaltem Krieg. Sie erleichterte es später, Russland nicht als gleichrangige europäische Macht, sondern als zivilisatorischen Sonderfall zu behandeln, dessen Interessen nach anderen Maßstäben bewertet werden konnten.

Der Politikwissenschaftler Iver Neumann hat diesen Gedanken explizit politisch zugespitzt. Er argumentiert, dass sich europäische Identität durch den „Gebrauch des Anderen“ formte und vor allem Russland zu den wichtigsten „Anderen“ gehörte, über die Europa definierte, was es im Gegensatz dazu ist. Für die hier entwickelte Argumentation erscheint weniger wichtig, ob Westeuropäer Russland „gehasst“ haben. Wichtiger ist, dass das europäische Selbstbild immer wieder durch einen Kontrast stabilisiert wurde: Europa als gesetzestreu, maßvoll, fortschrittlich – Russland als autokratisch, „asiatisch“, exzessiv, gefährlich. Sobald dieser Identitätskontrast etabliert ist, wirkt er stillschweigend in der Diplomatie weiter. Russische Bedrohungswahrnehmungen erscheinen leicht als übersteigerte Paranoia, russische Forderungen wirken wie vorgeschobene Argumente, russisches Beharren auf Pufferzonen liest sich als Ausdruck imperialer Begehrlichkeit.

Russophobie lässt sich deshalb am treffendsten nicht als bloße Stimmung oder Laune verstehen, sondern als systemische Verzerrung. Sie fungiert als dauerhafte Annahme, dass Russland von den normalen „europäischen“ Regeln eine Ausnahme bildet. Die folgenden Mechanismen bilden hierfür den Rahmen.

Geografie, Tiefe und die Logik der Unsicherheit

Russlands geopolitische Erfahrung unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von derjenigen der meisten westeuropäischen Staaten. Russland ist mehrfach von Großmächten von seiner westlichen Seite her angegriffen worden, oft mit existenziellen Folgen. Napoleons Invasion von 1812 erreichte Moskau. Der Erste Weltkrieg in den Jahren 1914 bis 1918 kostete Millionen Russinnen und Russen das Leben und verwüstete weite Teile des Landes. Der deutsche Angriff von 1941 führte zum Tod von rund 27 Millionen Sowjetbürgern und brachte den Sowjetstaat an den Rand der Zerstörung. Dies ist keine ferne Vergangenheit, die nur metaphorisch erinnert wird. Es handelt sich um eine vergleichsweise junge Geschichte, die über drei große Kriege und mehrere Regimewechsel hinweg im kollektiven Gedächtnis präsent geblieben ist.

Vor diesem Hintergrund misst die russische strategische Kultur räumlicher Tiefe, Pufferzonen und der Kontrolle von Zugangswegen einen besonderen Stellenwert bei. Die Linie von der Ostsee über Polen und die Ukraine bis zum Schwarzen Meer erscheint im russischen historischen Gedächtnis nicht als abstrakte Einflusssphäre, sondern als wiederkehrende Invasionsroute. Es geht dabei nicht allein um territoriale Kontrolle, sondern um existenzielle Sicherheit. Die leitende Frage lautet: Wie lässt sich genügend strategische Tiefe herstellen, um die Schlagkraft eines Angriffs zu verringern, bevor er das politische und wirtschaftliche Zentrum erreicht?

Demgegenüber wurde die geopolitische Vorstellung Großbritanniens und später der atlantisch geprägten Ordnung unter Führung der Vereinigten Staaten durch maritime Sicherheit, Fernprojektion von Macht und die Erwartung geprägt, dass Krieg „anderswo“ stattfinden könne. Ärmelkanal und Atlantik bzw. Pazifik wirkten wie natürliche Schutzgräben. Seeherrschaft ermöglichte es, Gewalt in die Ferne zu tragen, eine Invasion des eigenen Territoriums als nahezu ausgeschlossen anzusehen (mit der Ausnahme des Jahres 1940) und Krieg eher als Option denn als Überlebensfrage zu begreifen.

Nach 1945 lebten die westeuropäischen Staaten unter dem nuklearen Schutzschirm der USA und innerhalb von Bündnisstrukturen, die das Gefühl existenzieller Verwundbarkeit im Kern der entstehenden Europäischen Union schrittweise reduziert haben. Die Welt nach dem Kalten Krieg bot den europäischen NATO-Mitgliedern zudem den Luxus, Sicherheit als institutionalisierte Größe zu betrachten, abgesichert durch Bündnisse, Frühwarnsysteme und kollektive Verteidigungsmechanismen. Diese Erfahrung unterscheidet sich grundlegend davon, in einem Rhythmus von wenigen Jahrzehnten immer wieder groß angelegten Invasionen ausgesetzt zu sein.

Vor diesem Hintergrund können russische Forderungen nach strategischer Tiefe in Europa leicht übertrieben oder räuberisch erscheinen. Wenn russische Führungspersonen von Sicherheitszonen sprechen oder ihre Sorge über die Ausdehnung der NATO in ehemaligen sowjetischen Einflussraum äußern, hören viele westliche Beobachter vor allem imperialen Anspruch und Expansion. Genau hier liegt ein zentraler kognitiver Fehler im europäischen Sicherheitsdenken. Das Streben Russlands nach Sicherheit wird als von vornherein illegitim behandelt, während das sicherheitspolitische Handeln westlicher Staaten als normal, defensiv und für die Region insgesamt vorteilhaft gilt.

Dieser Unterschied macht die russische Politik nicht automatisch „richtig“. Er bedeutet jedoch, dass ein erheblicher Teil der europäischen Debatte unter einem systematischen Wahrnehmungsfehler geführt wurde, der politische Tragödien begünstigt. Die Weigerung, die Ängste der anderen Seite als real zu akzeptieren, beseitigt diese Ängste nicht. Sie trägt in der Regel zu einer Eskalationsspirale bei. Eine prägnante Formulierung für das strukturelle Problem lautet: Europa hat häufig erwartet, dass sich Russland wie eine mit dem Status quo zufriedene Macht verhält, selbst dann, wenn die institutionelle Expansion Europas und der Vereinigten Staaten die für Russland als notwendig empfundene strategische Tiefe verringerte. Wenn Russland protestierte, wurde der Protest selbst als Beleg für böswillige Absichten gewertet. Dieser Zirkelschluss ist charakteristisch für ein Sicherheitsdilemma und ein wiederkehrender Motor von Konfrontation gewesen.

Hinzu kommt, dass geografische Konstanten nicht verschwinden, nur weil eine Seite sie ausblendet. Russland wird Meerengen wie die Schwarzmeerstraße, Gebirgszüge wie die Karpaten, die norddeutsche beziehungsweise nordeuropäische Tiefebene und die Zugänge zur Ostsee weiterhin als zentrale geopolitische Faktoren betrachten, die seine Sicherheitskalküle prägen. Die Behauptung, russische Ängste seien irrational, ändert an dieser Lage nichts. Sie erhöht lediglich die Wahrscheinlichkeit, dass russische Entscheidungsträger Diplomatie als wenig aussichtsreich ansehen und militärische Optionen als vergleichsweise rational bewerten. Dies gilt umso mehr, wenn westliche Strategen, etwa Zbigniew Brzezinski, offen über die Schwächung Russlands oder sogar eine mögliche Aufspaltung des Landes in eine lose Konföderation von Staaten nachdenken.

„Othering“ und die Konstruktion der europäischen Identität

Zivilisatorische Rahmenkonzepte waren für die europäische Sicherheitspolitik nicht nebensächlich, sondern konstitutiv. Über Jahrhunderte hinweg stellte das westeuropäische Denken den orthodoxen Glauben oft als Abweichung vom „wahren“ Christentum dar – als exotisch, rückständig und politisch mit der Autokratie verschmolzen –, wobei slawische Völker überdies in den rassifizierten Hierarchien des 19. Jahrhunderts mit einem geringeren „Entwicklungsstand“ assoziiert wurden. Herders einflussreiche Schriften über Völker und Kulturen stellten die Slawen als romantisch, aber historisch passiv dar; westeuropäische Denker integrierten dies in eine große Erzählung über die europäische Zivilisation, in der Europas Fortschritt von den germanischen und romanischen Völkern vorangetrieben wurde, während slawische bzw. andere östliche Bevölkerungsgruppen als von Natur aus für Unterordnung geeignet und weniger zur Selbstverwaltung fähig angesehen wurden.

Diese Rahmenerzählungen boten ideologische Vorteile: Sie machten es einfacher, die russische Macht als grundlegend anders (und gefährlicher) darzustellen als diejenige westlicher Imperien. Eine englische politische Maschinerie, die kommerzielle Interessen in Indien vorantrieb, konnte damit gerechtfertigt werden, dass sie einem rückständigen Volk Zivilisation, Recht und rationale Verwaltung brachte. Ein russischer Sicherheitsschritt in angrenzenden Regionen konnte nur als gierige autokratische Expansion interpretiert werden.

Neumanns Arbeit ist hier von zentraler Bedeutung: Russland wird wiederholt als das „andere“ Europas positioniert, und religiös-kulturelle Unterschiede sind eines der Elemente, die bei dieser Identitätskonstruktion herangezogen werden. Die identitätsstiftende Funktion dieser „Andersartigkeit“ ist entscheidend. Europa musste wissen, wer „Europa“ war, und eine der beständigsten Methoden zur Etablierung dieser Identität war der Kontrast zu einem bedrohlichen, exotischen, außereuropäischen „Osten“, mit Russland als der östlichen Bedrohung, die noch nicht vollständig in die westliche Ordnung integriert werden konnte. Das Problem ist, dass diese identitätsstiftende Praxis nicht bloß beschreibend ist; sie prägt aktiv, was europäische Beobachter sehen, wenn sie russisches Verhalten betrachten.

Selbst in der angeblich modernen, säkularen Diplomatie bestehen diese zivilisatorischen Überbleibsel als stillschweigende Annahmen über Legitimität fort: Wer ist „europäisch“ genug, um als normaler Teilnehmer an einer europäischen Ordnung behandelt zu werden? Die Ironie ist auffällig: Zar Nikolaus II. war mütterlicherseits ein Enkel von Königin Victoria, und seine Frau Alexandra war Victorias Enkelin. Doch selbst diese engen dynastischen Bindungen konnten die zivilisatorische Kodierung nicht überwinden, die Russland außerhalb des Kreises „wahrer“ europäischer Legitimität ansiedelte. Ein britischer König konnte durch Blutsverwandtschaft mit einem orthodoxen Autokraten verbunden sein, doch die russisch-orthodoxe Autokratie selbst blieb als nichteuropäisch und mutmaßlich feindlich kodiert. Das Persönliche und das Strukturelle stimmten nicht überein, weil die strukturelle Kodierung eine Wirkung entfaltete, die keine noch so enge dynastische Verbindung aufzuheben vermochte.

Die Macht dieser Rahmenbedingungen liegt darin, dass sie Veränderungen der empirischen Fakten überdauern. Russland kann sich modernisieren, säkularisieren, demokratisieren oder seine Führung wechseln; doch die zugrunde liegende Kategorie – Russland als nicht ganz europäisch – bleibt für strategische Mobilisierung verfügbar. Wenn sich Russland modernisiert, besteht die Reaktion nicht darin, die alten Kategorien aufzugeben, sondern die Bedrohung neu zu definieren: Nun ist Russland eine „aufstrebende Macht“, die eingedämmt werden müsse, bevor sie zu stark werde. Die Tatsache der russischen Entwicklung selbst wird zu einem Grund für europäische Besorgnis, da der Rahmen es nicht zulässt, dass russische Stärke als legitim anerkannt wird.

Hegemoniale Agenda-Setzung und die Macht interpretativer Rahmen

Russophobie entstand in Europa nicht überall gleichzeitig und nicht mit gleicher Intensität. Dennoch spielte Großbritannien im 19. Jahrhundert eine überproportionale Rolle für Tonlage und Begriffe der Debatte. Besonders wichtig waren dabei die sogenannte Orientfrage und der Wille, eine rivalisierende Kontinentalmacht daran zu hindern, Einfluss in den Regionen zu gewinnen, die Großbritannien zunehmend als Teil seines eigenen Einflussraums betrachtete. Selbst wohlwollende Beobachter haben seit Langem darauf hingewiesen, wie stark der britische Diskurs dieses Jahrhunderts die Sprache der Russophobie prägte. Intellektuelles Vokabular, historische Deutungsmuster und geopolitische Ängste wurden oft in London formuliert, von Presse und Diplomatie verbreitet und anschließend in großen Teilen Europas als selbstverständlich übernommen.

Zwei Elemente der britischen Politik sind dafür besonders relevant: Erstens wurde geopolitische Rivalität in moralische Kategorien übersetzt. Der Konflikt mit Russland erschien nicht als nüchterner Wettbewerb um Interessen, sondern als Verteidigung der – von Großbritannien angeführten – Zivilisation gegen russischen Despotismus. Dieser rhetorische Zugang war politisch außerordentlich wirkungsvoll. Er verwandelte Fragen, die in erster Linie britische imperiale Interessen betrafen, in einen moralischen Kampf. Es ging darum zu verhindern, dass eine rivalisierende Macht Regionen kontrollierte, die Großbritannien für Handel und Marineoperationen offenhalten wollte.

Hinter dieser Moralisierung stand zugleich eine soziale Dimension. Die Auseinandersetzung konnte als Konflikt zwischen einem russischen Landadel, dessen Macht auf einer ständischen Ordnung beruhte, und einer britischen städtischen Bourgeoisie gelesen werden, die ihren Reichtum aus Industrialisierung und Handel bezog. Russlands autokratische Ordnung ließ sich als Gegenbild zu einem Handelsliberalismus inszenieren, mit dem sich die aufstrebenden Mittelschichten identifizierten. So erhielt die britische Russophobie einen progressiven Anstrich. Russland konnte nicht nur als geostrategischer Rivale, sondern als Gegner des menschlichen Fortschritts erscheinen.

Zweitens wirkten innenpolitische Anreize. Russophobie diente in Großbritannien immer wieder als mobilisierende Ressource. Sie half bei der Bildung politischer Koalitionen, bei der Ausrichtung der Presse und bei der Legitimation von Kriegen. In einem System, das zunehmend von öffentlicher Meinung und parlamentarischen Mehrheiten abhing, bot die Rede von der „russischen Bedrohung“ eine Möglichkeit, Unterstützung für Maßnahmen zu organisieren, die britischen imperialen Interessen dienten. Sie konnte genutzt werden, um höhere Militärausgaben zu rechtfertigen, liberale Kritik an Auslandseinsätzen zu begrenzen und außenpolitische Verbündete auf Linie zu bringen, die sonst von der britischen Strategie abgewichen wären.

Für den Fortgang dieses Buches ist entscheidend, dass ein einmal etablierter Deutungsrahmen einer Hegemonialmacht von anderen Akteuren übernommen werden kann. Dies geschieht aus Überzeugung, aus Opportunität oder aus Rücksicht auf Bündniszwänge. Wenn die Vormacht Russland als zivilisatorische Gefahr definiert und Kompromisse als beschämende Zugeständnisse markiert werden, stehen andere europäische Staaten vor einer Wahl: Sie können diesen Rahmen teilen oder die politischen Kosten des Widerspruchs tragen. Österreich und Preußen mussten entscheiden, ob sie sich der britischen Sicht anschließen und russisches Handeln als besonders bedrohlich einstufen oder ob sie diplomatische Eigenständigkeit bewahren wollten. Mit der Zeit wuchsen die Kosten eigenständiger Urteile, und der antirussische Deutungsrahmen wurde in Bündnissen, Verträgen und Institutionen verankert.

Die Wirkmacht hegemonialer Denkrahmen zeigt sich daran, dass sie unsichtbar werden. Sie erscheinen nicht länger als Perspektive einer bestimmten Macht, sondern als vermeintlich objektive Beschreibung der Wirklichkeit. Sobald sich ein Rahmen in diplomatischen Netzwerken, Presseberichten und Elitendiskursen verfestigt, tritt sein konstruktiver Charakter in den Hintergrund. „Jeder weiß“, so lautet dann die Formel, dass Russland von Natur aus expansionistisch sei, dass ein Kompromiss mit Russland aussichtslos sei, dass russische Macht in besonderem Maße destabilisierend wirke. Solche Sätze werden nicht mehr als Argumente präsentiert, sondern als selbstverständliche Wahrheiten, die nur Naive oder Unzuverlässige infrage stellen.

Die Moralisierung von Sicherheit

Das vielleicht tiefgreifendste strukturelle Merkmal der Russophobie ist die Moralisierung von Sicherheit. Wenn eine rivalisierende Macht als von Natur aus illegitim, gesellschaftlich rückständig, politisch despotisch und in besonderer Weise aggressiv dargestellt wird, dann erscheint Diplomatie nicht mehr als nüchterne Verhandlung, sondern als Komplizenschaft mit dem Bösen. Politische Führungsguren, die verhandeln wollen, können beschuldigt werden, Werte zu verraten, Unrecht zu beschwichtigen oder Autokratie zu legitimieren. Die moralische Anklage richtet sich dabei nicht nur gegen mögliche Ergebnisse von Verhandlungen, sondern gegen den Akt des Verhandelns selbst.

Dies ist ein charakteristisches Merkmal der Russophobie. Sie richtet sich dementsprechend nicht nur gegen einzelne russische Politiken, sondern behandelt Russland als solches als Problem, das eingedämmt werden müsse, aber nicht bearbeitet werden könne. Gespräche mit einem als kriminell wahrgenommenen Staat gelten als gleichsam ansteckend, die Anerkennung der Sicherheitsinteressen einer als barbarisch etikettierten Macht als Legitimierung ebendieser Barbarei. In dieser Logik wird ein Kompromiss mit Russland in westlichen Hauptstädten politisch illegitim, nicht weil eine Einigung sachlich unmöglich wäre, sondern weil die Anerkennung russischer Interessen als moralischer Fehltritt erscheint.

In einem solchen Kontext braucht es keine umfassenden rationalen Begründungen für Krieg. Es genügt, die Alternative zu delegitimieren. Krieg wird dann weniger als Mittel zur Herstellung von Sicherheit verstanden, sondern als Erfüllung einer moralischen Pflicht. Diplomatie erscheint als Option, die mit Schwäche, Feigheit oder Verrat verknüpft ist. Ein Sicherheitsdilemma verwandelt sich so in eine politische Falle. Mit einer Seite, die als illegitim definiert ist, kann kaum verhandelt werden, ohne die eigene Seite dem Verdacht der Selbstdelegitimierung auszusetzen.

Auf diese Weise wird Russophobie institutionalisiert. Wenn Kompromisse tabu sind, werden Institutionen so gestaltet oder weiterentwickelt, dass sie auf Eindämmung statt auf Einbindung ausgerichtet sind. Die NATO wird vor allem als Gegengewicht zu Russland definiert, nicht als Rahmen, in dem Russland als gleichberechtigter Teilnehmer auftreten könnte. Die Europäische Union ist als ein Integrationsprojekt aufgebaut, das Russland strukturell ausschließt und russische Interessen den Präferenzen der Mitgliedstaaten unterordnet. Aus solchen Arrangements entstehen Pfadabhängigkeiten. Spätere politische Eliten übernehmen Bündnisverpflichtungen, die als moralisch und strategisch zwingend gelten. Wer heute an der Spitze eines NATO-Staates über eine Annäherung an Russland nachdenkt, stößt nicht nur auf diplomatische Hürden, sondern auch auf institutionellen Widerstand, auf Druck aus dem Bündnis und auf innenpolitische Gegenreaktionen, die an der Erzählung festhalten, Russland sei Feind und nicht Partner.

Die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich in den inzwischen stark gewachsenen Belastungen für Europa. Dazu gehören steigende Energiekosten und Versorgungsschocks, zunehmende Deindustrialisierung, neue Rüstungsdynamiken, politische Fragmentierung und die Rückkehr nuklearer Risiken in das Zentrum europäischer Sicherheitsdebatten. Diese Kosten sind nicht zufällige Nebenprodukte einer Konfrontation, sondern weitgehend vorhersehbare Folgen einer Ordnung, die auf dauerhaften Wettbewerb mit Russland angelegt ist und nicht auf Koexistenz. Eine Sicherheitspolitik, die sich prinzipiell weigert, russische Interessen in Verhandlungen einzubeziehen, schafft Anreize für russische Entscheidungsträger, militärische Fähigkeiten auszubauen, die außerhalb diplomatischer Formate wirksam sein sollen. Nukleardoktrinen werden offensiver formuliert, das militärische Instrumentarium wird ausgeweitet, und die Palette möglicher militärischer Antworten auf wahrgenommene Bedrohungen vergrößert sich. 

Diplomatie setzt nicht voraus, dass beide Seiten unschuldig sind, um Frieden schließen zu können. Sie setzt voraus, dass die Sicherheitsinteressen der Gegenseite als real anerkannt werden. Dies entspricht jenem nüchternen Realismus, den das Europäische Konzert nach 1815 zeitweise verkörperte: Frieden zwischen Großmächten beruht auf wechselseitiger Anerkennung von Sicherheitsinteressen und auf vertraglich eingehegter Zurückhaltung, nicht auf moralischer Dämonisierung. In der hier entwickelten Argumentation liegt das strukturelle Problem darin, dass russische Sicherheitsinteressen häufig als illegitim oder aggressiv etikettiert werden, während vergleichbares Verhalten westlicher Mächte als normaler Ausdruck legitimer Sicherheitspolitik gilt. 

Russophobie bezeichnet in diesem Manuskript eine eingeübte Struktur des europäischen Sicherheitsdenkens. Sie entzieht russischen Sicherheitsansprüchen die Legitimität, lädt Verhandlungen moralisch auf, verengt so den diplomatischen Handlungsspielraum und trägt zu Eskalationen bei, die anschließend als Bestätigung des ursprünglichen Vorurteils gelesen werden. Frieden setzt kein blindes Vertrauen voraus. Er erfordert die Einsicht, dass eine dauerhafte europäische Sicherheitsordnung nicht auf der grundsätzlichen Leugnung russischer Sicherheitsinteressen aufgebaut werden kann. 

Die Weigerung zu verhandeln

Die relevante Frage lautet also nicht, wer weniger gesündigt hat, sondern ob die Sünden der anderen Seite die Weigerung rechtfertigen, mit ihr zu verhandeln, ihr entgegenzukommen und nach kooperativen Lösungen zu suchen, von denen das gegenseitige Überleben abhängt. An jedem entscheidenden Wendepunkt, der in diesem Buch untersucht wird, lautete die Antwort der westlichen Staats- und Regierungschefs: „Ja, das Fehlverhalten Russlands rechtfertigt die Verweigerung von Verhandlungen.“

Diese Antwort war falsch, nicht nur moralisch, sondern auch strategisch. Russisches Fehlverhalten rechtfertigte nicht:

  • den Krimkrieg von 1853 bis 1856, den die Westmächte führten, um die russische Expansion in Richtung osmanischer Gebiete zu verhindern.

  • den Ausschluss der Sowjetunion aus den europäischen Sicherheitsvereinbarungen in den 1920er Jahren.

  • das Scheitern der kollektiven Sicherheit in den 1930er Jahren.

  • die Ablehnung von Roosevelts Vision einer Nachkriegskooperation mit Russland.

  • den Verrat am Frieden nach 1991.

Russophobie hat russisches Fehlverhalten wiederholt verschlimmert, anstatt es zu korrigieren. Jedes Mal, wenn Russland isoliert statt integriert wurde, wenn russische Bedenken abgetan statt verhandelt wurden, wenn militärische Eindämmung statt diplomatischer Annäherung versucht wurde, hat dies dazu geführt, Russland genau zu jenem Verhalten zu treiben – Expansion, Aggression, Revisionismus –, das der Westen angeblich verhindern wollte.

Die Anerkennung russischer Interessen bedeutet nicht, den Kurs vollständig umzukehren und jegliche Bedenken hinsichtlich des russischen Verhaltens aufzugeben. Sie bedeutet, einen einheitlichen Maßstab anzulegen. Wenn der Westen das russische Verhalten in der Ukraine, in Georgien und in Tschetschenien beurteilt, muss er bereit sein, sich für sein eigenes Verhalten in der westlichen Hemisphäre sowie im Irak, in Afghanistan, in Libyen und an vielen anderen Orten nach demselben Maßstab beurteilen zu lassen. Wenn westliche Werte und Interessen als legitim angesehen werden, müssen auch russische Werte und Interessen als legitim anerkannt werden, selbst wenn man mit der Art und Weise, wie Russland sie interpretiert, nicht einverstanden ist.


1970 in Moskau: Bundeskanzler Willy Brandt, eingerahmt von Kanzleramtsstaatssekretär Egon Bahr und Außenminister Walter Scheel, anlässlich der Unterzeichnung des Moskauer Vertrags

Vor allem erfordert diese Anerkennung Ehrlichkeit gegenüber der Geschichte, die zur aktuellen Situation geführt hat. Der von Gorbatschow 1989–1991 angebotene Frieden war echt. Der sowjetische Staatschef löste den Warschauer Pakt auf, zog sich aus Osteuropa zurück, unterstützte die deutsche Wiedervereinigung, förderte die Demokratisierung in Mittel- und Osteuropa und akzeptierte, dass Russland nach 1991 ein viel kleinerer Staat mit weniger Macht sein würde. Dies war eine epochale Entscheidung. Die kleinmütige und unverantwortliche Antwort des Westens bestand darin, die westliche Vorherrschaft in dem von Russland geräumten Raum zu festigen.

Die Zusicherungen gegenüber Russland, dass die NATO nicht auf ehemalige sowjetische Verbündete ausgeweitet und die Nachkriegsordnung inklusiv statt exklusiv sein werde, wurden von den russischen Vertretern als verbindlich verstanden. Die anschließende Erweiterung der NATO, die Hinwendung zur unipolaren Vorherrschaft und die Behandlung Russlands als ein Problem, das es zu bewältigen galt, statt als Nachbar, mit dem man sich arrangieren musste, untergruben diesen Frieden. Dies einzugestehen, rechtfertigt nicht die russische Invasion. Es macht die Invasion verständlich und damit in Zukunft vermeidbar.

Quelle

ОК
Im Interesse der Benutzerfreundlichkeit verwendet unsere Internetseite cookies.